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Hutsche, Gägge und Quatsche: Sächsische Amphibien bedroht

Mit den frühlingshaften Temperaturen hat auch in Sachsen die Amphibienwanderung begonnen, Kröten, Frösche und Molche wandern zu ihren Laichgewässern. Ein Blick in das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten zeigt, dass Wörter und Tiere dabei eines gemein haben: Sie alle sind bedroht.

Im Wörterbuch der obersächsischen Mundarten (WoM 1–4) sind im gesamten obersächsischen Sprachgebiet verschiedene lexikalische Varianten für ‚Frosch‘ und ‚Kröte‘ belegt, mit teils unterschiedlichen Lautformen: Frosch wird meist Frosch oder Frusch, im östlichen Westerzgebirge Fruusch, im Vogtland auch Fruesch oder Fruasch und in der Lausitz Froosch ausgesprochen. Kröte in den nördlichen und mittleren Gebieten meist Grääde, im Westerzgebirge Greed, im Vogtland Gried und überall sonst Greede. Molch heißt überall Molch oder Mulch, vereinzelt auch Mullich.

Darüber hinaus sind zahlreiche lexikalische Varianten belegt, meist ohne Unterscheidung zwischen Fröschen und Kröten: Im Großraum Leipzig wurde die Gägge belegt, in Mittelsachsen und Erzgebirge die Hutsche (in vielen Varianten) und in der östlichen Oberlausitz neben der Quatsche auch die aus dem Sorbischen stammende Schaba. In den nördlich angrenzenden Gebieten finden sich die niederdeutschen Pogge und Padde. Diese und viele weitere Varianten sind in Abb. 1 nach Belegorten aufgeführt. Nicht immer wird dabei zwischen den Tierarten unterschieden (Claus 1957: 45–46), auch sind die Lexeme teilweise weit über das obersächsische Sprachgebiet hinaus belegt (Mitzka 1955).

Obersächsische Belege für ‚Frosch‘ und ‚Kröte‘ im Wörterbuch der obersächsischen Mundarten (WoM 1–4). Die standardäquivalenten Lexeme Frosch und Kröte sind nicht abgebildet, wurden aber in unterschiedlichen Lautformen im gesamten Gebiet belegt. Karte erstellt mit dem REDE-SprachGIS (Schmidt et al. 2020–).

Abb. 1: Obersächsische Belege für ‚Frosch‘ und ‚Kröte‘ im Wörterbuch der obersächsischen Mundarten (WoM 1–4). Die standardäquivalenten Lexeme Frosch und Kröte sind nicht abgebildet, wurden aber in unterschiedlichen Lautformen im gesamten Gebiet belegt. Karte erstellt mit dem REDE-SprachGIS (Schmidt et al. 2020–).

Was alle gemein haben: Sie alle sind bedroht, Wort wie Tier, Zeichen wie Inhalt, Signifikant wie Signifikat.

Die obersächsischen Belege wurden Mitte des 20. Jahrhunderts gesammelt, da waren die historischen Basisdialekte jedoch kaum mehr ortsgenau zu erheben, weil sie vielerorts – insbesondere im zentralen Gebiet Sachsens – bereits von einer großräumigeren obersächsischen Umgangssprache abgelöst worden waren (Siebenhaar 2019: 425). Seitdem fand keine systematische Neuerhebung statt.

Wie aktuell diese Verteilung heutzutage noch ist, lässt sich also kaum sagen. Und auch die Tiere brauchen Hilfe: Jeden Frühling werden tausende Amphibien auf ihrem Weg zu den Laichgewässern überfahren. Wer ihnen bei der Wanderung helfen will, findet bei den örtlichen Naturschutzverbänden entsprechende Informationen. Und wer weiß, vielleicht hilft es, die Amphibien bei ihren obersächsischen Namen zu rufen!

Literatur:

  • Claus, Helmut. 1957. Zur Namengemeinschaft bei „Frosch“ und „Kröte“. Zeitschrift für Mundartforschung 25(1). 39–56.
  • Mitzka, Walther. 1955. Deutscher Wortatlas. Bd. 4. Gießen: Wilhelm Schmitz.
  • Schmidt, Jürgen Erich, Joachim Herrgen, Roland Kehrein, Alfred Lameli & Hanna Fischer (Hrsg.). 2020. Regionalsprache.de (REDE III). Forschungsplattform zu den modernen Regionalsprachen des Deutschen. Bearbeitet von Robert Engsterhold, Marina Frank, Heiko Girnth, Simon Kasper, Juliane Limper, Salome Lipfert, Georg Oberdorfer, Tillmann Pistor, Anna Wolańska. Unter Mitarbeit von Dennis Beitel, Lisa Dücker, Lea Fischbach, Milena Gropp, Heiko Kammers, Maria Luisa Krapp, Vanessa Lang, Salome Lipfert, Nathalie Mederake, Jeffrey Pheiff, Bernd Vielsmeier. Studentische Hilfskräfte. Marburg: Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas.
  • Siebenhaar, Beat. 2019. Ostmitteldeutsch: Thüringisch und Obersächsisch. In Joachim Herrgen & Jürgen Erich Schmidt (Hrsg.), Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Bd. 4: Deutsch (HSK 30.4), 407–435. Berlin & Boston: De Gruyter Mouton. https://doi.org/10.1515/9783110261295-013.
  • WoM 1–4 = Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Hrsg.). 1994–2003. Wörterbuch der obersächsischen Mundarten. Begründet von Theodor Frings und Rudolf Große. Unter der Leitung von Gunter Bergmann (Bd. 2–4) und Dagmar Helm (Bd. 1). Berlin: Akademie.